Ohne Titel
Rudolf Stingel
Glas verstärktes Polyesterharz, Polyurethan-Lackierung (Jahresgabe Secession Wien 2012)
12 × 12 × 3 cm
2012
Schenkung 2012
Inv. Nr. 0293
Ausgeliehen
Die Jahresgabe von Rudolf Stingel entstand im Kontext seiner Einzelausstellung in der Wiener Secession im Jahr 2012. Das exklusiv für Förder:innen und Mäzen:innen produzierte Kleinformat ist weder frei verkäuflich noch als bloße Reproduktion angelegt. Vielmehr handelt es sich um eine eigenständige künstlerische Arbeit, die in engem Dialog mit dem Œuvre des Künstlers steht und zugleich eine besondere Nähe zwischen Künstler*in, Institution und Unterstützerkreis herstellt.
Rudolf Stingels Werk ist an der Schnittstelle von Konzeptkunst, Malerei und Skulptur zu verorten. Seit den späten 1980er‑Jahren hinterfragt er kontinuierlich die traditionellen Kategorien der Malerei. Ein zentraler Referenzpunkt seiner Arbeit ist dabei die Geschichte des Ornaments. Nach seiner programmatischen Zurückweisung durch die klassische Moderne galt das Ornament lange als Zeichen des Überholten und Dekorativen. Stingel greift diese historisch belastete Form bewusst wieder auf. Seine Ornamente sind weder erzählerisch noch funktional; sie erscheinen als abstrahierte Strukturen innerhalb eines vielschichtigen kunsthistorischen Bedeutungssystems.
Für die Jahresgabe greift Stingel auf ein Abdruckverfahren zurück, wobei der Abguss generell ein zentrales Element seiner künstlerischen Praxis darstellt. Diese Technik ist in eine kunsthistorische Tradition eingebettet, die von antiken Gipskopien bis hin zu Strategien der Konzeptkunst der 1960er- und 1970er‑Jahre reicht. Bei Stingel jedoch verliert der Abguss jede dienende oder reproduktive Funktion. Er fungiert nicht als Mittel zur Vervielfältigung eines Originals, sondern bewirkt eine bewusste Verschiebung der Hierarchien: Negativform und Kopie werden selbst zum Bild. Auf diese Weise werden Fragen nach Autorschaft, Originalität und Bildstatus explizit verhandelt. Das schwarze Quadrat – ein kunsthistorisch hoch aufgeladenes Format – steht für Autonomie, Absolutheit und Selbstbezüglichkeit. Bei Stingel wird es jedoch nicht als metaphysisches Zeichen eingesetzt, sondern als Versatzstück eines räumlich gedachten Konstrukts. Im angeschnittenen Ornament deutet sich eine imaginäre ornamentale Ausdehnung ebenso an wie eine architektonische Weiterführung über die Bildgrenzen hinaus.
Im Rahmen der Wiener Secession lässt sich die Jahresgabe zudem als Reflexion ihrer Ausstellungsgeschichte lesen. Die Secession war von Beginn an ein Ort produktiver Spannungen zwischen dekorativer Kunst, symbolistischer Ornamentik und dem Anspruch auf radikale Moderne. Stingels Arbeit knüpft auch an diese Geschichte an.
Text: Heike Maier-Rieper
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